Auf der Montessori-Farm in Aulendiebach lernen Jugendliche nicht nur Mathe und Deutsch, sondern übernehmen Verantwortung für Tiere, Garten und Gemeinschaft. Als außerschulischer Lernort des Montessori-Campus Dietzenbach verbindet die Einrichtung praktisches Lernen mit dem regulären Schulunterricht. Im Mittelpunkt stehen dabei Selbstständigkeit und gemeinschaftliches Lernen.

Kreis-Anzeiger, Ausgabe Oberhessen Süd, 23. Oktober 2026, S. 18

Gänse auf der Streuobstwiese der Montessori Farm, darüber ein Regenbogen
Auf der Streuobstwiese der Montessori-Farm in Aulendiebach genießen die Gänse den Auslauf – im Hintergrund spannt sich ein Regenbogen über das Gelände. Foto: red

Aulendiebach – Gänse füttern, Gemüse anbauen, kochen und den Einkauf organisieren: Auf der Montessori-Farm in Aulendiebach gehört das zum Schulalltag. Die Jugendlichen kümmern sich um Tiere und Garten, arbeiten in der Werkstatt und lernen, mit Geld umzugehen. Auch weniger beliebte Aufgaben wie Unkrautjäten und Straßenkehren gehören dazu. Denn hier geht es nicht nur um Unterricht, sondern auch darum, „Verantwortung für eine Gemeinschaft zu übernehmen“, wie Lars Prignitz, der zur pädagogischen Leitung der Farm und zum Schulleitungsteam in Dietzenbach gehört, im Gespräch mit dieser Zeitung betont.

Derzeit lernen 16 Jugendliche aus den Jahrgangsstufen sieben bis zehn auf der Farm. Sie bilden eine von insgesamt drei Klassen des Montessori-Campus Dietzenbach, einer integrierten Gesamtschule. Dabei ist der Lernort kein Bauernhof im klassischen Sinne, wie Maximilian Priess, Geschäftsführer der Montessori Farm Aulendiebach gGmbH, herausstreicht. „Die Farm bildet viele zentrale Bereiche des Lebens in einem Mikrokosmos ab, indem die Jugendlichen lernen und studieren können.“

Pädagogisch orientiert sich die „Farmklasse“ am sogenannten Erdkinderplan von Maria Montessori. Im Mittelpunkt steht die Idee eines Studien- und Arbeitszentrums auf dem Land, in dem junge Menschen gemeinsam leben, arbeiten, produzieren und handeln. Sie sollen nicht nur theoretisch lernen, sondern sich mit echten Aufgaben auseinandersetzen.

Verantwortung übernehmen

Wie das aussieht, zeigt sich im Tagesablauf. Nach einem gemeinsamen Frühstück besprechen die Jugendlichen, welche Aufgaben anstehen. Es folgen Arbeitsphasen, das Mittagessen und ein weiterer Arbeitsblock. Am Nachmittag gibt es eine gemeinsame Pause mit Kaffee und Kuchen, die sogenannte Fika.

Die Jugendlichen organisieren verschiedene Bereiche selbst. Dazu gehören Küche, Garten, Tiere, Werkstatt, Finanzen und Freizeit. „Du musst es schon wollen“, sagt Lotta (15) über das Leben auf der Farm. Schließlich bedeutet es auch, Zeit getrennt von der Familie und den gewohnten Hobbys zu verbringen. Sie kommt aus Ingelheim und reist dienstags mit dem Zug an. Bis Freitag bleibt sie in Aulendiebach. Die weite Anreise nimmt sie in Kauf, weil sie das Konzept sehr schätzt. „Ich lerne hier fürs Leben, nicht um Tests zu schreiben, die ich zwei Wochen später wieder vergessen habe“, betont sie.

Auch Fabio (15) aus Gelnhausen schätzt die individuelle Betreuung. Er besucht die Farm als Tagesschüler und übernachtet einmal pro Woche dort. Das Lernen sei „viel individueller, viel persönlicher“. Lars Prignitz führt das auf die kleineren Lerngruppen zurück, die es den Pädagogen ermöglichen, gezielter auf die einzelnen Jugendlichen einzugehen. In der Farmklasse sieht er eine besonders konsequente Umsetzung der Montessori-Pädagogik für die Klassen 7 bis 10.

Lars Prignitz und Maximilian Priess mit Jugendlichen der Farmklasse vor dem Fachwerkhaus der Farm
Lars Prignitz (l.) und Maximilian Priess (r.) mit einem Teil der Schüler der „Farmklasse“.* Foto: Matthias Boll

Die praktische Arbeit ersetzt den regulären Unterricht nicht. Mathematik, Deutsch, Englisch und die übrigen Fächer gehören zum normalen Lehrplan. Die Jugendlichen legen dieselben Abschlussprüfungen ab wie andere Schüler. Am Ende steht ein mittlerer Schulabschluss, der den Absolventen alle weiteren Optionen für die Zukunft offenlässt.

Ein Ort, der Spuren hinterlässt

Finanziert wird das Angebot über Schulgeld. Weil die Betreuung und die Übernachtungsmöglichkeiten über das übliche Maß hinausgehen, liegen die Kosten höher als bei anderen Privatschulen. Die monatlichen Kosten beziffert Priess im Schnitt auf „einen höheren dreistelligen Betrag“. Ein Förderverein und Kooperationen sollen Familien mit geringeren finanziellen Möglichkeiten unterstützen und das Angebot niederschwelliger machen.

Auf dem weitläufigen Gelände gibt es neben dem Haupthaus eine Werkstatt, ein Atelier, eine Außenküche, einen Nutzgarten und einen Stall mit Gänsen. Auf einer Streuobstwiese wachsen alte Apfelsorten, aus denen die Jugendlichen Saft herstellen. Auch Drechselarbeiten aus Holz, Kirschkernkissen und Olivenöl gehören zum Angebot, mit dem sie sich im Rahmen von Schulprojekten beschäftigen. Die Produkte werden gegen eine Spende abgegeben.

Die Farm ist zugleich fest in Aulendiebach verwurzelt. Die Jugendlichen beteiligen sich am Weihnachtsmarkt und am lebendigen Adventskalender, gestalten eine Dorfzeitung und organisieren einen Dorftrödelmarkt mit. Auch mit Landwirten und Vereinen gibt es Kontakte. Die Verantwortlichen sehen das Dorf als wichtigen Teil des Lernumfelds: Die Jugendlichen sollen Menschen außerhalb der Schule begegnen und erfahren, wie Gemeinschaft funktioniert.

„Jeder Schüler hinterlässt hier seine Spuren“, sagt Lotta beim Rundgang über das Gelände. Sie ist überzeugt, dass auch sie der Farm nach ihrer Schulzeit verbunden bleiben wird.

* Die Schreibweise des Namens Lars Prignitz in der Bildunterschrift wurde gegenüber dem Druck korrigiert. Der Artikeltext ist ansonsten unverändert aus der Printausgabe übernommen.